GALLERI NICOLAI WALLNER

 

 

 

 

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ein camp für global player


by Harald Fricke

Jens Haanings Vorschlag zur Umgestaltung des Faserstoffgeländes in Fürstenberg am Havel. Die Verbindungen sind günstig. Fast jede Stunde fährt täglich ein Zug von Berlin nach Fürstenberg. Wer über das Westzentrum in die Kleinstadt nördlich von Berlin reist, braucht kanpp zwei Stunden; vom Bahnhof Lichtenberg in Ostberlin geht die Fahrt noch eine Stunde schneller, mit dem Auto dauert es genauso lang. Keine 100 Kilometer von der neuen Hauptstadt entfernt liegt Fürstenberg an der Havel, mitten im Seengebiet der Mark Brandenburg. Bereits zur Jahrhundertwende diente die Gegend als Naherholungsgebiet für Berliner Bürger: Theodor Fontane schrieb hier seine berühmtesten Novellen, heute lebt Günther Grass dort zurückgezogen auf seinem Landsitz. Es gibt altertümliche Kloster aus dem 13. Jahrhundert, endlose Wanderwege und einen Museumspark, wo Dampfmaschinen und historische Werkstätten ausgestellt sind.

Das alles erfährt man aus dem Touristikführer von Fürstenberg. Andererseits ist die Stadt seit Ende des Zweiten Weltkriegs der Inbegriff für den Terror der Nazis: In unmittelbarer Nähe zum Ort war zwischen 1938 und 1945 das größte Konzentrationslager für Frauen und Kinder angelegt worden. Im KZ Ravensbrück waren mehr als 120.000 weibliche Häftlinge interniert. Nachdem Ravensbrück von der russischen Armee befreit wurde, ließ die DDR-Regierung auf dem Lagergelände 1959 eine Gedenkstätte errichten. Seitdem werden dort Ausstellungen vor allem über die Zwangsarbeit während der NS-Herrschaft eingerichtet. Erst im November 1997 fand unter dem Titel "Wir waren ja niemand" eine Ausstellung statt, die das Schicksal von 1.100 Häftlingen dokumentierte, die im Herbst 1944 in das Daimler-Benz-Werk in Genshagen überstellt wurden. Zu den Firmen, die ihre Zwangsarbeiter aus Ravensbrück rekrutierten, gehörte unter anderem auch die Siemens AG.

Zugleich haben sich zahlreiche Künstler mit dem KZ beschäftigt, oft waren es ehemalige Gefangene, die mit der Kunst ihre eigene Lagervergangenheit aufgearbeitet haben. Außerdem ließ die SED-Partei zu DDR-Zeiten eine Skulptur als Mahnmal auf dem Gelände errichten. Im Januar 1998 wurde in einem landschaftsplanerischen Wettbewerb die zukünftige Gestaltung von Ravensbrück entschieden. Nun sollen drei Architekten das rund 200 Hektar große Areal als Gedenkstätte neu entwerfen: Für die Hauptlager ist vorgesehen, die Standorte bereits verschwundener Häftlingsbaracken mit schwarzer Schlacke sichtbar zu machen; wo früher die Siemens-Werkstätten waren, sollen die erhalten gebliebenen Bodenplatten an Zwangsarbeit erinnern. Für das Gelände des sogenannten Jugend-KZ haben die Architekten ein blaues Blumenfeld vorgesehen; und das Areal des 1944 errichteten Vernichtungslagers soll ausgespart bleiben.

Während das KZ-Gelände als Gedenkstätte erhalten wird, ist die Zukunft eines zweiten Areals ungewiß: Das ebenfalls am Rande von Fürstenberg gelegene Faserstoffgelände verfällt. Ursprünglich als Fabrik für synthetische Fasern wie Petroleumdochte und Kammgarn 1911 konzipiert, wurde dort schon vor 1933 Munition produziert - ein Verstoß gegen die Entmilitarisierung Deutschlands als Ergebnis des Ersten Weltkriegs. In der Nazizeit wurde hier eine gewaltige Rüstungsproduktion mit der Montan AG als dem Hauptunternehmen aufgebaut, für die hauptsächlich Zwangsarbeiterinnen aus Ravensbrück benutzt wurden. Nach dem Krieg richtete die Sowjetarmee sich auf dem Gelände eine Reperaturwerkstatt für Militärfahrzeuge ein. Was soll mit dem Faserstoffgelände geschehen? Im Rahmen eines von dem Berliner Kurator Christoph Tannert organisierten Projekts hat sich der Kopenhagener Künstler Jens Haaning mit der Möglichkeit beschäftigt, das Areal neu zu gestalten. Anders als in Ravensbrück versucht Haaning, den Ort nicht allein als Mahnmal oder als Stätte der Erinnerung an die NS-Herrschaft anzulegen. Für ihn geht es auch um die Möglichkeit, die Identität von Fürstenberg eigenständig zu betrachten und der Stadt eine Funktion über die Repräsentation des Schreckens hinaus wiederzugeben. Kann das gelingen? Oder läßt die enorm belastete Geschichte keine andere Interpretation zu?

Haanings Entwurf, den er gemeinsam mit der in Aarhus ansässigen VERTEX-Architektengruppe konzipiert hat, sieht vor, auf dem Gelände ein ăTime-Share-Estate" einzurichten. Aus aller Welt sollen Menschen hier arbeiten, wohnen und leben können. Dafür sind 400 Appartments, Swimming-Pools, ein halbes Duzend Restaurants, sowie Diskotheken, Tennisplätze und ein Segelhafen unten am See geplant. Der Übergang ist zugegebenermaßen brutal: Von der Fabrik für Zwangsarbeiter zum globalisierten Aufenthaltsort - ein Camp für global player...

Wer andere Arbeiten des dänischen Künstlers kennt, weiß allerdings auch, daß Haaning weder an der Verklärung noch an dem Status Quo interessiert ist. Ein Großteil seiner Projekte ist vielmehr an die Frage geknüpft, wie sich soziale Intervention auf die Infrastruktur auswirkt. So hatte er für das niederländische Middelburg 1996 eine Nähfabrik im lokalen Kunstverein plaziert, die während der Zeit der Ausstellung Handtücher, Sommerkleider etc. produzierte. Die Angestellten des Betriebs waren jedoch Wirtschaftsemigranten, so daß mit dem Projekt auch Probleme eines Weltmarkts im Umbruch sichtbar wurden. Immerhin lassen niederländische Firmen in Billiglohnländern produzieren, die damit verbundene Arbeitslosigkeit im eigenen Land wird jedoch zum Asylthema gemacht. Dabei verdeckt die Ausländerfeindlichkeit von Staats wegen deregulierende Interessen multinationaler Firmen.

Eine Berliner Ausstellung knüpfte 1997 an diese Verzahnung von Markt und Differenzmodellen an: In der Galerie Mehdi Chouakri war ein Reisebüro installiert worden, das seine Angebote aufgrund der Gesetzeslage nur mit 7 Prozent versteuern mußte - schließlich war das Büro ein Kunstwerk und als solches nicht zur vollen Abgabe von 15 Prozent Umsatzsteuer verpflichtet. Aus diesem Differenzbetrag schöpfte Haaning seine Arbeit: Plötzlich war das Flugticket ein readymade, das allerdings seinen künstlerischen Wert in dem Moment verlor, wo es durch den Kunden tatsächlich benutzt wurde. Umgekehrt bekam man mit jedem Ticket ein Zertifikat, das den Kauf eines Kunstwerkes bestätigte. Der Wert der Kunst blieb dadurch relativ, der Gegenwert des Reisetickets wurde umso konkreter.

Im Projekt für Fürstenberg kommen die verschiedenen Überlegungen nocheinmal zusammen. Die Arbeit nutzt sowohl die site-spezifische Aufwertung des Ortes durch die Kunst, und zeigt zugleich, wie sehr die Probleme mit der Geschichte in die Gegenwart hineinreichen. Denn gerade weil Fürstenberg historisch dermaßen aufgeladen ist, muß sich die Qualität des Gedenkens oder der Erinnerung auch am Alltag messen lassen können. Immerhin versucht die Stadt selbst ja schon in Broschüren und Prospekten als "Wasserstadt" für sich Werbung zu machen. Eine andere Perspektive hat sie nicht: Nach dem Abzug der Sowjet-Armee liegen die Geschäfte in Fürstenberg brach, viele Läden wurden geschlossen, weil die Soldaten als potentielle Kunden zurück nach Rußland gegangen sind. Vor diesem Hintergrund paßt sich ăDas Faserstoff Projet" in die lokalen Gegebenheiten ein und definiert sie zugleich um. Die Stadt, in der während der NS-Zeit niemand daran Anstoß nahm, da§ in direkter Nähe ein Konzentrationslager existierte, muß sich nun den Veränderungen stellen, die im Osten nach der Wende entstanden sind. Plötzlich könnte sogar die Idylle mit der dunklen Vergangenheit einer Situation ausgeliefert sein, in der die Bedingungen von außen - ein vereintes Europa unter dem Einfluß der Globalisierung - das kleinstädtische Geschehen mitbestimmen. Nach der Vereinigung muß sich Deutschland entgegen allem nationalen Taumel mit seinen europäischen Nachbarn arrangieren. Dabei ist Haaning ein Paradox besonders aufgefallen: Obwohl stets von der neuerwachten Identität die Rede ist, können die Deutschen mit ihrem Land nur wenig anfangen. Für ihn ist es zum Beispiel befremdlich, wie wenig der inländische Tourismus genutzt wird. Auch in diesem Fakt liegt eine gewaltige Schizophrenie - je stärker die nationale Mentalität auf ein imaginiertes Zentrum fixiert ist, desto mehr muß dabei die eigene Realität aus dem Blickfeld verdrängt werden. Vermutlich sind Exotik-Urlauber deshalb oft die größten Rassisten.

Konkret bedeutet die Neudefinition durch "Das Faserstoff Projekt" eine Veränderung des Bewußtseins. Nachdem in den letzten Jahren die Zahl der ausländerfeindlichen Delikte gerade in der ehemaligen DDR enorm angestiegen ist, müßte eine Stadt wie Fürstenberg durch die Neuansiedlung auf dem Faserstoffgelände im internationalen Maßstab auch lernen, sich vom beklagenswerten Rassismus loszusagen, wie er momentan in der Provinzwelt Ostdeutschlands fast schon normal ist. Der Weg ist das Ziel: Plötzlich wäre Integration von Ausländern ein notwendiger Prozeß, um die eigene, neuentstandene Infrastruktur zu bewahren - sonst käme die Selbstdefinition als Wirtschaftsstandort in Gefahr. Jens Haaning weiß um die gerade im wiedervereinigten Deutschland schwelenden Konflikte zwischen den globalen Märkten und der nationalistischen Meinungsmache. In dem er sein Projekt "Das Faserstoff Projekt" nennt, fokussiert er diesen Widerspruch in der Gegenwart. Sein Entwurf wirkt aber auch auf die Debatte um die Repräsentation von Mahnmalen und Gedenkstätten zurück. Immerhin lebt der Umgang mit Erinnerungen vor allem in der Fähigkeit fort, sich mit dem Alltag auseinanderzusetzen. Jedes Unrecht, das sich in diesem Rahmen hier und jetzt ereignet, sagt auch etwas darüber aus, ob man aus der Geschichte gelernt hat oder nicht. Erst mit der Realisierung des Projekts wird sich zeigen, ob "Das Faserstoff Projekt" als Handreichung zur Versöhnung wahrgenommen wird oder als Stein des Anstoßes. Eine solche Qualität wäre allerdings auch jedem Mahnmal zu wünschen, das an den Terror der Nationalsozialisten gemahnen soll.

Published in the catalogue Exhibition without exhibition by Tilo Schulz, Germany, 1999.