GALLERI NICOLAI WALLNER

 

 

 

 

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der weltmarkt als ready-made


by Harald Fricke

Der dänische Künstler Jens Haaning hat im holländischen Middelburg eine Kleiderfabrik installiert. Im Sommer ist selbst die Fussgängerzone von Middelburg vernetzt. Vor jedem Strassencafé und jedem Geschäft hängen Lautsprecherboxen, aus denen unisono Songs von Tina Turner oder Technopop schwappen, ab und zu bringt ein lokaler Radiosender die aktuellen Nachrichten oder Hörergrüsse für die Urlaubsgäste. Sonne und Strand allein genügen eben nicht: Der Badeort auf der niederländischen Halbinsel Zeeland, knapp 150 Kilometer südwestlich von Rotterdam, setzt auf ein dichtes Beiprogramm. Neben dem Campingplatz finden Open-air-Konzerte statt, der alte Markt im Zentrum ist flächendeckend mit Schlemmerbuden aus aller Welt Zugebaut. Im Schneckentempo schieben sich einige tausend Familien durch die überlaufene Kleinstadt, vorbei an Blumenampeln, Thai-food-Ständen und einer Bühne, auf der gerade eine balinesische Volkstanzgruppe probt. Offenbar fühlen sich die Menschen in diesem verkehrsberuhigten Multikulti-Legoland sehr wohl, schliesslich sind Ferien.

Trotz des Ansturms draussen vor der Tür verirren sich nur wenige Touristen in die Ausstellung von Jens Haaning. Es sieht auch nicht sonderlich gemütlich aus in der grob verputzten Vleeshal, einer ehemaligen Fleischerei aus dem vorigen Jahrhundert, in der jest Kunst gezeigt wird. Zwischen ein paar Rigipswänden sitzen dort neun ArbeiterInnen an Nähmaschinen und Industriebügeleisen herum, zwei Männer legen pfirsichfarbene Geschirrtücher zusammen; am Ende des Schlauchartigen Raums stapeln sich bergeweise Stoffreste, von der Decke hängt ein rotleuchtender FanWimpel des türkischen Fussballclubs Besiktas. Es ist kurz vor sechs Uhr, bald geht die Schicht zu Ende. Dann wird die Belegschaft der Textilfirma Maras Confectie mit dem Bus zurück ins nahegelegene Vlissingen gebracht. Bis dahin ist sie Teil der Installationen "Middelburg summer 1996".

Für seine Ausstellung hat der 31 jährige Däne eine Kleinfabrik vollständig ins Museum verlagert, selbst das Büro, eine Kochecke und die Umkleideräume wurden von Ort nachgebaut. Das Ganze erinnert an die Streiche von Till Eulenspiegel und ist dennoch im Bereich sozial engagierter Kontextkunst angesiedelt: Mitten im Sommer wird den Feriengästen der stumpfe Werkalltag als eine ästhetisch umgewidmete Angelegenheit vorgeführt. Dabei arbeitet Haaning selbst gern mit Menschen. Im vergangenen Jahr hatte er mit jugendlichen Gangmitgliedern in Kopenhagen illegale Waffen als Auflagenobjekt hergestellt, vor ein paar Monaten liess er bei einer Ausstellung in Bordeaux Fahnen für ein imaginäres Dritte-Welt-Land nähen. Als Kunst im öffentlichen Raum ist diese Art der lebenden Installation mit den Arbeiten von Olaf Metzel vergleichbar, bei dem Haaning in München studiert hat. Auch Metzel arrangiert Situationen um, für den Berliner Skulpturenboulevard hatte er 1987 einen Turm aus Absperrgittern auf dem Ku'damm plaziert - als Denkmal für die Hausbesetzerdemos. Damals musste die Plastik vor aufgebrachten Bürgern mit einem Zusatzzaun geschützt werden.

In Middelburg nun wehrt sich Haaning mit seinem Eingriff dagegen, dass Kunst als Dekoration im sommerlichen Kulturrummel untergeht. Ursprünglich wollte er knallige Badeanzüge herstellen lassen, in denen sich 3000 Menschen aus den ehemaligen holländischen Kolonien als Models unter die Urlauber mischen sollten. "Zumindest wäre mit der Aktion das Erscheinungsbild hier in der Stadt einmal durcheinandergeraten" betont Haaning den Bildcharakter, "immerhin ist Middelburg sonst ein rein weisser Ferienort."

Bei seinen Recherchen ist er schliesslich auf die Vlissinger Textilfirma gestossen. Maras Confectie wurde von einem türkischen Gastarbeiter gegründet, der vor 15 Jahren nach Holland kam. Inzwischen hat Vahip Arpacis Betrieb ein Dutzend Angestellte, die allesamt aus dem Iran, Bosnien und der Türkei stammen. So überlagern sich plötzlich Fragen nach dem korrekten Umgang mit kulturellem Import-Export und den überaus konkreten Problemen der Migration: Ein Däne wird zum Kulturaustausch eingeladen und stellt in einer unscheinbaren Arbeitssituation ebenso alltäglich die lokalen Verstrickungen zwischen Wirtschafts- und Exilleben dar.

Andererseits produziert das Unternehmen zu Niedrigpreisen, je nach Auftrag werden Servietten, Bettlaken oder einfache Kleider genäht. Ein belgischer Kunde zahlt für die nächste Lieferung von 30.000 Handtüchern 20 Cent pro Stück, deshalb wird trotz der Vernissage angestrengt im Akkord durchgearbeitet. Das bisschen Kunstpublikum stört dabei kaum, eher verschüchtert schleichen einige Besucher um die Männer und Frauen an den Maschinen herum. Für Arpaci funktioniert das Geschäft jedoch auch ausserhalb des Museums nur in einer wirtschaftlichen Nische, die sich aus der Globalisierung der Märkte ergeben hat: "Die grossen Fabriken haben ihre Arbeitsstätten alle nach Polen oder Marokko verlagert. Deshalb sind in Amsterdam fast gar keine Textilfabriken mehr übriggeblieben. Nun sind kleinere Aufträge aber viel zu kostenaufwendig, wenn man damit nach Polen geht. Das ist der Punkt, an dem wir die Sache übernehmen." Der Weltmakt als Ready-made: Jetzt hat Arpacis Firma eine Seite im Internet, auf der nebenbei ein türkisches Reisebüro für den Urlaub in Anatolien wirbt. Etwas weiter unten auf der eigentlich vom Middelburger Kunstverein angelegten Künstler-Homepage finden sich auch Diskussionsforen zu Kierkegaard oder Erich Fromm. Ausserdem hat Jens Haaning dort ein paar Cartoons mit Beavis & Butthead abgelegt - und ein Zitat in Anlehnung an Schopenhauer: "Die Welt ist meine Vorstellung".

Published in Die Tageszeitung, Berlin, Monday, 29. July 1996