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Der
subUrbanist
Zur
ästhetischen Strategie von Jakob Kolding
by
Raimar Strange
Die Ideale des neuen Bauens der Avantgardebewgungen Anfang des
vergangenen Jahrhunderts haben in ihren real-existierenden Anwendungen
bekanntlich viel von ihrer emanzipativen Kraft verloren. Selbst
in einer typisch modernistischen Vorstadt aufgewachsen reflektiert
der junge Däne Jakob Kolding genau diese Spannung. Dabei verfällt
er weder einem larmoyanten Kulturpessimismus nich übersieht
er die dort täglich virulenter werdenden sozialen Probleme.
Die Zeichnungen, Wandarbeiten und Collagen von Jakob Kolding sind
so autobiographischer wie gesellschaftspolitischer, so analytischer
wie auch sentimentaler Natur. Ihr inhaltlicher Rahmen liesse sich
vielleicht am prŠgnantesten in Zitatcollagen abstecken.
Framing 1 "...einen
Baukasten im Grossen zu schaffen aus dem je nach Kopfzahl und Bedürfnis
der Bewohner verschiedene Wohnmaschienen zusammenfügen lassen"
(Walter Gropius). Siebzig Jahre später: "Die Idee des
Modernismus, als Posmodernismus vom Stapel gelassen, wurde sehr
schmerzhaft für uns."
(Rem Koolhaas).
"This is the sound of suburbs" (The Slits).
"Wir verhalten uns wie die Insekten" (Douglas Coupland).
Man könnte sich die ersten Abschniite der Berliner Maueranschauen,
sie als Stil und Sprache lesen, quasi als Olivetti-Ästhetik,
dann mit dem Modernismus verknüpfen, als langweilig erklären
und sich als Kompensation wütende Schichten mimetischer Erfindungen
imaginieren" (Rem Koolhass). "Clockwork
Orange" (Stanley Kubrick).
Concrete Auch die aus Kunst, Film, Musik, Literatur und der
Welt des Fussballs zitierenden Collagen von Jakob Kolding bewegen
sich im spannungsfeld von utopischem Begehren und penibeler Planung,
im Zusammenhang von enttäuschten Visionen und träumerischer
Exzentrik. Am Beispiel des täglichen Lebens in typisch modernistischen
Vorstädten entfaltet Kolding so ein vielschichtiges wie teilweise
widersprüchliches Geflecht von inhaltlichen Bezügen. Stilistisch
bewegt er sich dabei in der Tradition des russischen Konstruktivismus
und der agitatorischen Fotomontagen eines John Heartfield, aber
auch Anklänge an die shaped canvas oder die Techno-Ästhetik
finden sich in diesen flächig-dynamischen Elementen wieder,
die meist auch mit kritisch fragenden Textfragmenten wie
"Gentrification or Social Renewal" durchschossen sind.
So sehen wir spielende Kinder neben kruden Betonfassaden collagiert,
angehimmelte profifussballer treten in Aktion und das McDonalds-Logo
meldet sich in unmittelbarer Nachbarschaft mit seiner verkaufsfördernden
Direktheit zu Wort. Dann steht da der schon fast klischeehafte Streifenpolizist,
lange anonyme Häuserfluchten lassen ahnen warum. Und selbstverständlich
gibt es immer wieder zeit- und arbeitsersparende Haushaltsgeräte,
wie die in Reihe gestellten Waschmaschienen etwa. Dioch nicht nur
inhaltliche Probleme diskutiert Jakob Kolding mit seinen Collagen,
auch formale Imlikationen sprechen von stätdebaulichen und
damit immer auch von ethischen Gesichtspunkten. So setzt Kolding
den Dualismus von Fern- und Nahsicht in Spannungsverhältnisse
um: Aus einiger Entfernung betrachtet wirken diese Arbeiten eher
wie ein fast logoartiges Emblem. Erst aus der Nähe erkundet,
entdeckt man die Einzelteile, die beinahe wie bei einem Mosaik das
ganze erst ergeben, Das Verhältnis von Mikro- und Makropolitik
gehört eben so zur Tagesordnung wie die negative Dialektik
von Nah- und Fernsicht, die der Arzneipanscher und Kindermörder
Harry Lime in auf den Punkt brachte, als er aus
grosser Höhe auf eine eben nur scheinbar gesichtslose Menschensammlung
schaute:
Würdest du dir es wirklich zu Herzen nehmen, wenn einer dieser
schwarzen Punkte aufhören sollte, sich zu bewegen - für
immer?
Framing 2 "So ein Ideal bedingt die Serie" (Le
Corbusier). "You never walk alone"
(Fussball-Traditionell).
"Erfinde den Mittelstand aufs neue" (Douglas Coupland).
Oder: "Arbeiter, sie wollen euch eure Villen in Tessin wegnehmen!"
(Klaus Staeck). "Stil ist Lüge" (Rem
Koolhass). "Wachpersonal, Videokameras, Zugang nur durch das
haupttor...Ein abschreckender Gedanke, aber sie sehen die Zukunft
vor sich" (J.G. Ballard). "Der Wolkenbügel für
Moskau" (El Lissitzky) und "Alphaville"
(J.L. Godard). "Der white cube
ist ein Ghetto" (Brian O'Doherty). "I am going underground"
(The Jam).
In the Ghetto? Kritische Kunst im Betriebssystem Kunst
erreicht immer nur die immergleichen 'lucky few'. Der
Drang ein 'kunstfremdes' Publikum anzusprechen, speist
sich auch aus dieser Erfahrung. Jakob Kolding jedenfalls sucht sich
immer wieder auch 'Ausstellungsmöglichkeiten'
ausserhalb der etablierten Institutionen im sogenannten <šffentlichen Raum>'öffentlichen
Raum'.
Für eine Präsentation in einer Kopenhagener Vorstadt beispielsweise
entwarf Kolding 'wild' plakatierte Aushänge, auf denen
unter dem Bild einer typisch modernistischen Wohnfabrik Fragen zu
lesen waren, die das
"Danish Building and Urban Research Institut" zuvor für
Architekten formuliert hatte. Da war dann zu lesen: "Was für
Bewohner hatten Sie vor Augen, als Sie den Komplex planten?".
Oder: "Inwiefern glauben die bewohner, dass Versöhnungsmassnahmen
hier erfolgreich waren?".
Dann einfach nur: "Wo
war Spielfläche für die Kinder vorgesehen?". Und:
"Wo sollen die Erwachsenen Ihre Freizeit verbringen?".
Im Kunstraum
lagen die Plakate übrigens gleichzeitig zum Mitnehmen aus,
wodurch der Markt und seine Preispolitik ein Stück weit unterlaufen
wurden, und gleichzeitig machte der Künstler Fragen öffentlich,
die das Versagen weltweit realisierter Architekturen aufdeckten,
aber auch die sehnsüchtigen Hoffnungen und lustvollen Potentiale,
die dort auch noch zu finden sind. Genau diese Mehrdeutigkeit ist
das Leitmotiv von Jakob Kolding.
Critical Mass Later, as he sat on his balcony, eating
the dog, Dr Robert Laing reflected on the unusual events that had
taken place within his huge apartment building during the previous
three month. Now that everything had returned to normal, he was
surprised that there had been no obvious beginning, no point beyond
which their lives had moved into a clearly more sinster dimension.
(from J.G. Ballard: "High-rise")
First published in Kunst-Bulletin, March 2001.
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