GALLERI NICOLAI WALLNER

 

 

 

 

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Der subUrbanist
Zur ästhetischen Strategie von Jakob Kolding

by Raimar Strange


Die Ideale des neuen Bauens der Avantgardebewgungen Anfang des vergangenen Jahrhunderts haben in ihren real-existierenden Anwendungen bekanntlich viel von ihrer emanzipativen Kraft verloren. Selbst in einer typisch modernistischen Vorstadt aufgewachsen reflektiert der junge Däne Jakob Kolding genau diese Spannung. Dabei verfällt er weder einem larmoyanten Kulturpessimismus nich übersieht er die dort täglich virulenter werdenden sozialen Probleme.

Die Zeichnungen, Wandarbeiten und Collagen von Jakob Kolding sind so autobiographischer wie gesellschaftspolitischer, so analytischer wie auch sentimentaler Natur. Ihr inhaltlicher Rahmen liesse sich vielleicht am prŠgnantesten in Zitatcollagen abstecken.

Framing 1 "...einen Baukasten im Grossen zu schaffen aus dem je nach Kopfzahl und Bedürfnis der Bewohner verschiedene Wohnmaschienen zusammenfügen lassen" (Walter Gropius). Siebzig Jahre später: "Die Idee des Modernismus, als Posmodernismus vom Stapel gelassen, wurde sehr schmerzhaft für uns." (Rem Koolhaas).
"This is the sound of suburbs" (The Slits). "Wir verhalten uns wie die Insekten" (Douglas Coupland). Man könnte sich die ersten Abschniite der Berliner Maueranschauen, sie als Stil und Sprache lesen, quasi als Olivetti-Ästhetik, dann mit dem Modernismus verknüpfen, als langweilig erklären und sich als Kompensation wütende Schichten mimetischer Erfindungen imaginieren" (Rem Koolhass). "Clockwork Orange" (Stanley Kubrick).


Concrete Auch die aus Kunst, Film, Musik, Literatur und der Welt des Fussballs zitierenden Collagen von Jakob Kolding bewegen sich im spannungsfeld von utopischem Begehren und penibeler Planung, im Zusammenhang von enttäuschten Visionen und träumerischer Exzentrik. Am Beispiel des täglichen Lebens in typisch modernistischen Vorstädten entfaltet Kolding so ein vielschichtiges wie teilweise widersprüchliches Geflecht von inhaltlichen Bezügen. Stilistisch bewegt er sich dabei in der Tradition des russischen Konstruktivismus und der agitatorischen Fotomontagen eines John Heartfield, aber auch Anklänge an die shaped canvas oder die Techno-Ästhetik finden sich in diesen flächig-dynamischen Elementen wieder, die meist auch mit kritisch fragenden Textfragmenten wie "Gentrification or Social Renewal" durchschossen sind. So sehen wir spielende Kinder neben kruden Betonfassaden collagiert, angehimmelte profifussballer treten in Aktion und das McDonalds-Logo meldet sich in unmittelbarer Nachbarschaft mit seiner verkaufsfördernden Direktheit zu Wort. Dann steht da der schon fast klischeehafte Streifenpolizist, lange anonyme Häuserfluchten lassen ahnen warum. Und selbstverständlich gibt es immer wieder zeit- und arbeitsersparende Haushaltsgeräte, wie die in Reihe gestellten Waschmaschienen etwa. Dioch nicht nur inhaltliche Probleme diskutiert Jakob Kolding mit seinen Collagen, auch formale Imlikationen sprechen von stätdebaulichen und damit immer auch von ethischen Gesichtspunkten. So setzt Kolding den Dualismus von Fern- und Nahsicht in Spannungsverhältnisse um: Aus einiger Entfernung betrachtet wirken diese Arbeiten eher wie ein fast logoartiges Emblem. Erst aus der Nähe erkundet, entdeckt man die Einzelteile, die beinahe wie bei einem Mosaik das ganze erst ergeben, Das Verhältnis von Mikro- und Makropolitik gehört eben so zur Tagesordnung wie die negative Dialektik von Nah- und Fernsicht, die der Arzneipanscher und Kindermörder Harry Lime in auf den Punkt brachte, als er aus grosser Höhe auf eine eben nur scheinbar gesichtslose Menschensammlung schaute: Würdest du dir es wirklich zu Herzen nehmen, wenn einer dieser schwarzen Punkte aufhören sollte, sich zu bewegen - für immer?

Framing 2 "So ein Ideal bedingt die Serie" (Le Corbusier). "You never walk alone" (Fussball-Traditionell). "Erfinde den Mittelstand aufs neue" (Douglas Coupland). Oder: "Arbeiter, sie wollen euch eure Villen in Tessin wegnehmen!" (Klaus Staeck). "Stil ist Lüge" (Rem Koolhass). "Wachpersonal, Videokameras, Zugang nur durch das haupttor...Ein abschreckender Gedanke, aber sie sehen die Zukunft vor sich" (J.G. Ballard). "Der Wolkenbügel für Moskau" (El Lissitzky) und "Alphaville" (J.L. Godard). "Der white cube ist ein Ghetto" (Brian O'Doherty). "I am going underground" (The Jam).

In the Ghetto? Kritische Kunst im Betriebssystem Kunst erreicht immer nur die immergleichen 'lucky few'. Der Drang ein 'kunstfremdes' Publikum anzusprechen, speist sich auch aus dieser Erfahrung. Jakob Kolding jedenfalls sucht sich immer wieder auch 'Ausstellungsmöglichkeiten' ausserhalb der etablierten Institutionen im sogenannten <šffentlichen Raum>'öffentlichen Raum'.
Für eine Präsentation in einer Kopenhagener Vorstadt beispielsweise entwarf Kolding 'wild' plakatierte Aushänge, auf denen unter dem Bild einer typisch modernistischen Wohnfabrik Fragen zu lesen waren, die das "Danish Building and Urban Research Institut" zuvor für Architekten formuliert hatte. Da war dann zu lesen: "Was für Bewohner hatten Sie vor Augen, als Sie den Komplex planten?". Oder: "Inwiefern glauben die bewohner, dass Versöhnungsmassnahmen hier erfolgreich waren?". Dann einfach nur: "Wo war Spielfläche für die Kinder vorgesehen?". Und: "Wo sollen die Erwachsenen Ihre Freizeit verbringen?". Im Kunstraum lagen die Plakate übrigens gleichzeitig zum Mitnehmen aus, wodurch der Markt und seine Preispolitik ein Stück weit unterlaufen wurden, und gleichzeitig machte der Künstler Fragen öffentlich, die das Versagen weltweit realisierter Architekturen aufdeckten, aber auch die sehnsüchtigen Hoffnungen und lustvollen Potentiale, die dort auch noch zu finden sind. Genau diese Mehrdeutigkeit ist das Leitmotiv von Jakob Kolding.

Critical Mass Later, as he sat on his balcony, eating the dog, Dr Robert Laing reflected on the unusual events that had taken place within his huge apartment building during the previous three month. Now that everything had returned to normal, he was surprised that there had been no obvious beginning, no point beyond which their lives had moved into a clearly more sinster dimension. (from J.G. Ballard: "High-rise")


First published in Kunst-Bulletin, March 2001.