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Echte
Persönlichkeit?
Zur
künstlerischen Arbeit von Gitte Villesen
by Raimar Strange
Die Grenze von Kunst und Dokumentation ist spätestens seit
der documenta X von Catherine David Thema der ästhetischen
Diskussion. Die junge dänische Foto- und Videokünstlerin
Gitte Villesen lotet diese Spannung in ihren beinahe langweilig
anmutenden Arbeiten eher behutsam aus. Eben dadurch aber gelingt
es den visuellen Porträts der im besten Sinne des Wortes 'eigenwilligen'
Zeitgenossen, einem sensationslüsternen Voyeurismus zu entkommen.
Der Unterschied von Fiktion und Dokumentation ist gerade in der
Film- und Videokunst manchmal nur schwer auszumachen. Der Regisseur
Jean-Luc Godard aber schreibt in seinem 1980 als Buch veröffentlichten
Vorlesungen zur "Einführung in eine wahre Geschichte des
Kinos" über seine Filme: "Fiktion, die ich immer
auch dokumentarisch behandelt habe". Und er benennt dort die
Differenz beider Genres: "Sobald man sich interessiert, ist
Fiktion im Spiel". Genau diese Spannung ist auch für die
künstlerische Arbeit von Gitte Villesen entscheidend.
Vorspiel
"Vorbasser Pferdemesse und -markt, '94" (1994). In dieser
frühen Videoarbeit besucht die junge Künstlerin des Nachts
die im Titel angesprochene Veranstaltung und filmt dort einen ihr
gänzlich unbekannten Besucher. Dieser ist zunächst von
der ungewohnten Aufmerksamkeit geschmeichelt, er flirtet vor laufender
Kamera mit Gitte Villesen, präsentiert lachend sein Bier und
auch seine poppigen Bermudashorts. Als 'echter Mann' versucht er
die junge Künstlerin zu küssen und stellt ihr stolz seine
zahlreichen Freunde vor. Doch langsam wird er unruhig, ja genervt.
Denn die schweigende Kamerafrau verweigert jedwede Erklärung,
warum sie eigentlich stoisch und unbeirrt diese Aufnahmen macht.
So entwickelt sich zunehmend ein Zwiegespräch zwischen dem
Gefilmten und dem Prozess des Filmens: "Ich beginne wirklich
ärgerlich zu werden: was soll dies hier?", schimpft der
Besucher. Schliesslich fordert er: "Stop es!!", sichtlich
gefoltert von dem anhaltenden Blick der Kamera. Die anfängliche
(männliche) Souveränität ist längst gewichen,
was bleibt ist eine beinahe aggressive Selbstdekonstruktion des
einstmals festen Bildes, das der Mann sich und dem Objektiv vorzuspielen
suchte. Das später ungeschnitten zu sehende filmische Porträt
wird so gerade aufgrund seiner scheinbar völlig unmotivierten,
wenn man so will: dokumentarisch-sachlichen Form zu einem eindrucksvollen
Psychogramm, dass beinahe nebenbei die Auflösung einer vermeintlich
unbeschwert-heiteren Identität entwickelt.
Happy End?
Gitte Villesen porträtiert in der Folge mehr oder weniger 'merkwürdige'
Lebensentwürfe. Merkwürdig sind diese, weil sie sich mal
mit eher 'kauzigem' Charakter, mal mit eher bewusst 'asozialer'
Qualität und auch mal mit dezidiert künstlerischer Haltung
am Rande der Gesellschaft, in so isolierter wie dennoch integrierter
Stellung bewegen. Die hier vorgestellten Menschen sind in vielerlei
Hinsicht auf der Flucht vor den diktatorischen Normen und falschen
Funktionszusammenhängen des 'richtigen Lebens' - doch schon
Walter Benjamin wusste, das noch der Flucht eingeschrieben ist,
wovor man sich zu retten sucht. Diesen Porträts von Spitzen-Klöplern,
Strassen- und Projektkünstlern, von Diskjockeys und Transsexuellen
sind dann nicht nur analysierende Beschreibungen von listigen Kritiken
an der bestehenden Gesellschaft ablesbar, sondern auch ein sehnsuchtsvolles
Begehren, dass sich nicht mit den Lustversprechen von bürgerlicher
Gesellschaft und ihrer Unterhaltungsindustrie zufrieden gibt.
On the road
In dem Video "Ingeborg the Busker Queen" (1999), erzählt
Gitte Villesen von dem Leben der Strassenkünstlerin Ingeborg.
Diese seltsam selbstverständlich, ja bieder anmutende Exzentrikerin
filmt und interviewt die Künstlerin in dem kleinen "Museum
für Strassenkunst", das Ingeborg gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten
Cibrino in dem dänischen Vorbasse, wir kennen es schon, gegründet
und aufgebaut hat. Dort gibt es mancherlei Kuriositäten aus
dem bewegten Leben von Ingeborg und Cibrino zu bewundern: Zahme
Ratten und Papageien etwa, oder das Foto einer Kuh mit zwei Köpfen,
die Ingeborg bis zu deren frühen Tod gepflegt hatte. Dann sind
da seltsam unpraktische Holzschuhe, Püppchen, die verheissungsvoll
den Rock lüften, und Ähnliches mehr archiviert. Im Garten
schliesslich steht eine Kirche für Tiere. Ungewöhnliches
wird hier dermassen ausgestellt und benutzt zugleich, dass es von
den Träumen und Leidenschaften kündet, die bei den herrschenden
Kultur- und Traumfabriken nicht unbedingt auf dem Tagesprogramm
stehen. 'Individuelle Mythologien' nämlich werden in "Ingeborg
the Busker Queen" sichtbar, die abseits sowohl vom unterhaltsamen
Mainstream, von jeder wissenschaftlichen Disziplin oder politisch-korrekten
Agitation passioniert ihr (Überlebens-)Recht fordern.
Lokalpolitik
Der amerikanische Cultural Studies-Theoretiker John Fiske schreibt
1993 in seinem Klassiker, "Power works, power play", dass
'locals', die in abgeriegelter, aber selbstbewusster Defensive in
kleinen Communities leben, mit ihrem freiheitlichen Potential dem
nicht gänzlich als übermächtig gedachten 'Power bloc'
emanzipativen Widerstand entgegensetzen können. Nicht mehr
die grossen, vorbildlichen Lebensentwürfe sind es, die ihn
interessieren, sondern kleine, versteckte und völlig unmissionarisch
gemeinte Alternativen. Genau dieses Moment des Sichselbstgenügens
gibt auch bei Gitte Villesens Erzählungen aus der Provinz in
Bild und Ton die Richtung an: Die leise, bescheidene und zurückhaltende
Art und Weise, mit der sie ihre Protagonisten in ihren Fotos und
Videos in Szene setzt, ist eben der Erkenntnis geschuldet, nicht
mehr mit attraktiv und aggressiv nach Durchsetzung fordernden Utopien
brillieren zu wollen. Stattdessen bietet sie auf den ersten Blick
fast belanglose Miniaturen an, die, wenn man sich denn in aller
Ruhe auf sie einlässt, langsam aber sicher ihre doch latent
subversiven Qualitäten behaupten. Behaupten aber, ohne überzeugen
zu wollen. Noch einmal Walter Benjamin: "Überzeugen ist
unfruchtbar".
Sexy
In ihrer neuesten Videoarbeit, "Solveig" (2002), die sie
gemeinsam mit Lars Erik Frank konzipiert hat, stellt sich die 66-jährige
Transsexuelle Solveig vor. Ruhig sitzt sie vor der Kamera und erzählt
von ihrem Leben. Anno 1936 wurde sie als Niels Lerche geboren, doch
schon als 11-jährige entdeckte sie ihre Vorliebe für Frauenkleider.
Erst im Alter von Dreissig aber kommt sie erstmals mit dem Phänomen
'Transvestit' in Berührung. Niels war in seinem Leben dreimal
verheiratet und hatte drei Töchter. Die beiden letzten Ehefrauen
wussten um Niels', wie sie es einschätzten, nächtliche
'Eskapaden' als Transvestit. Im Alter von 62 verliert sie, die sich
damals selbst eher als 'Macho' einschätzte, vorzeitig ihren
Job in der Elektronikbranche und wird Pensionär. Jetzt ist
sie nicht mehr gezwungen, Rücksichten im beruflichen Leben
zu nehmen, und sie entschliesst sich, endgültig als Frau zu
leben. Sie nimmt Hormone ein, um eine weibliche Körperform
zu bekommen, ihre Haare lässt Solveig nun lang wachsen, die
Männerkleidung wandert in den Mülleimer. Ihr neuer Name
'Solveig' ist der Name der letzten Frau, mit der Niels eine Affäre
hatte. 1997 schliesslich wird sie Vorsitzende der dänischen
Transvestitenorganisation TID.
Wie selbstverständlich erzählt die Transsexuelle in dieser
Videoarbeit, völlig unspektakulär, aber bestimmt und sensibel.
Ihre Ausführungen, etwa die Erörterung des Problems, ihren
neuen Namen 'Solveig' amtlich registrieren zu können, benennen
überaus politische Zusammenhänge. Der Entschluss, das
eigene Geschlecht selbst wählen zu können, unabhängig
von 'natürlich Vorgegebenem', trifft nämlich die Gesellschaft
und ihre Vorstellung von Identität ins Mark. Solveig gelingt
es die Beziehung von normativer Standardisierung und Sexualität
aufzudecken und sich zumindestens tendenziell diesem Geflecht in
einer bewussten Umstrukturierung zu entziehen. Ihr Ausleben von
Geschlechtlichkeit erscheint, wie Michel Foucault es wohl beschrieben
hätte, "nicht in einer wesenhaften und positiven Beziehung
zur Macht, sondern in einer eigenartigen und selbstständigen
und von der Macht bedrohten Instanz". Gitte Villesen protokolliert
in ihrer Videoarbeit dies so lapidar wie präzise. Und mahnt
so aufklärerisch an, ohne den Zeigefinger zu heben.
Original printed in Kunst-Bulletin 1/2 2003
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